Freispruch bei Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung nach § 224 StGB

Wie gestaltet sich der Sachverhalt zum Vorwurf der Körperverletzung sowie der Verleumdung?

Der Beschuldigte A und der Geschädigte B verbrachten den Abend bei einem gemeinsamen Bekannten und nahmen dabei Alkohol zu sich. Sie verließen gemeinsam die Wohnung dieses Bekannten und warteten ebenfalls zusammen auf den Nachtbus, nachdem jeder sich in einem sogenannten „Späti“ noch eine Flasche Bier gekauft hatte. Laut Aussage des Geschädigten B soll der Beschuldigte A plötzlich grundlos mit seiner Bierflasche auf ihn losgegangen sein und ihn am Kopf verletzt haben. Daraufhin wurde die Polizei verständigt, der Beschuldigte verließ den Tatort noch vor deren Eintreffen. Tatzeugen gab es nicht. Die Wunden des Geschädigten wurden ambulant behandelt und fotografisch festgehalten. Da der Geschädigte die Identität des vermeintlichen Täters nicht kannte, wurde zunächst Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Über den gemeinsamen Bekannten konnte die Identität jedoch ermittelt werden und der Beschuldigte A erhielt entsprechend eine polizeiliche Vorladung, welche er in Begleitung seines Betreuers wahrnahm.

Der Sachverhalt aus Sicht des Beschuldigten

Im Zuge der Vernehmung sagte der Beschuldigte A aus, er hätte gemäß § 32 StGB aus Notwehr gehandelt, da er derjenige war, der zuerst geschlagen worden war. Den ganzen Abend habe der Anzeigende B von seiner Kampfsportausbildung gesprochen und damit angegeben. An der Haltestelle dann soll der Beschuldigte zwei oder drei Backpfeifen bekommen und aus reflexartiger Notwehr zurückgeschlagen haben. Dabei habe er die Bierflasche in seiner Hand vergessen. Des Weiteren soll er keine Gelegenheit gehabt haben, sich zu entschuldigen und sich um eine ärztliche Versorgung zu kümmern, da der Verletzte B weggerannt sei. Im Anschluss an die polizeiliche Vernehmung erstattete der Beschuldigte A seinerseits Anzeige wegen Körperverletzung nach § 223 StGB.

Übergabe an die Amtsanwaltschaft

Nachdem der nun wegen Körperverletzung Beschuldigte B nach Aufnahme der Strafanzeige und entsprechender Beschuldigtenvernehmung bei seiner Version blieb, erstatte er wiederum Strafanzeige wegen Verleumdung nach § 187 StGB. Daraufhin wurde der Vorgang an die Amtsanwaltschaft zur weiteren Entscheidung übergeben. Der Beschuldigte A erhielt daraufhin die Anklageschrift durch die Amtsanwaltschaft und wurde der Vergehen, strafbar nach §§ 223 (Körperverletzung), 224 Abs. 1 Nr. 2 (gefährliche Körperverletzung mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs) StGB, angeklagt.

Hinzuziehung des Strafverteidigers Rechtsanwalt Grunst

Nach Erhalt der Anklageschrift setzte sich der Beschuldigte A durch einen sozialen Verein mit der Kanzlei für Strafrecht in Berlin-Köpenick und Berlin-Charlottenburg von Herrn Rechtsanwalt Grunst in Verbindung. In besagtem Verein wird der Beschuldigte aufgrund einer Lernbehinderung gemäß §§ 53, 54 SGB XII betreut. Nach eingehender Beratung wurde das Mandat übernommen und der Antrag auf Akteneinsicht gegenüber dem Amtsgericht gestellt. Ferner beantragte Rechtsanwalt Grunst die Beiordnung als Pflichtverteidiger gemäß § 140 Abs. 2 StPO, da sein Mandant sich wegen seiner der Lernbehinderung geschuldeten Unfähigkeit, Situationen richtig zu beurteilen und sich dementsprechend zu verhalten, nicht selbst verteidigen kann. Beiden Anträgen wurde stattgegeben.

Ergebnis der Hauptverhandlung und Begründung des Freispruchs

Während der Hauptverhandlung wurde dem Beschuldigten die Möglichkeit gegeben, sich zur Sache zu äußern. Rechtsanwalt Grunst als Verteidiger erarbeitete mit seinem Mandanten diese Äußerung in schriftlicher Form, da aufgrund der bereits erwähnten Lernbehinderung eine freie Aussage nicht zu empfehlen gewesen wäre. Es ist nicht zwingend erforderlich, abzulesen, doch Rechtsanwalt Grunst passt die Strategie dahingehend individuell auf seine Mandanten an. Im weiteren Verlauf der Hauptverhandlung erfolgten die sehr widersprüchlichen Zeugenaussagen, welche die Richterin dazu veranlassten, die Beweisaufnahme als ungenügend zu beurteilen. Auf dieser Grundlage konnte kein Urteil gefällt werden. Nicht nur die Tatsache, dass die Zeugenaussagen widersprüchlich waren, sondern auch die, dass die Tatwaffe nicht gefunden werden konnte, weckten Zweifel. Als die Polizeibeamten in der Tatnacht vor Ort ankamen, konnten sie weder die Flasche noch Splitter ausfindig machen, obwohl der Anzeigende aussagte, er habe später ein paar Glassplitter in seinem Ohr gefunden. Des Weiteren konnte die Brille nicht gefunden werden, die beim Schlag mit der Flasche angeblich runtergefallen sein soll. Besonders ausschlaggebend für die Unglaubwürdigkeit der Aussage des Anzeigenden ist die Tatsache, dass ihm seine Kleintierstreu geklaut worden sei. Allerdings konnte sich einer der dort anwesenden Polizeibeamten genau daran erinnern, wie der Geschädigte eine Packung Kleintierstreu mit sich geführt hat. Insgesamt waren die Aussagen nicht glaubhaft, weshalb der Freispruch durch das Amtsgericht aus tatsächlichen Gründen erfolgte. Es musste im Zweifel von Notwehr ausgegangen werden.

Rechtsanwalt für Strafrecht Benjamin Grunst vertritt Sie bundesweit in Strafverfahren.

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