Erster Prozesstag vor dem Schwurgericht Oldenburg: Angeklagte wird 100 facher Mord vorgeworfen

Der erste Prozesstag begann mit wenigen Minuten Verspätung. Der Angeklagte wurde in den Festsaal der Weser-Ems-Halle geführt und das Verfahren durch die Kammer eröffnet. Rechtsanwalt Benjamin Grunst ist als Nebenkläger an dem Verfahren beteiligt.

Der Vorsitzende begann die Verhandlung mit einer Vorstellung der Verfahrensbeteiligten. Neben der Staatsanwaltschaft, den Gutachtern für die Glaubwürdigkeit und Schuldfähigkeit, wurden auch die Nebenklagevertreter und die Nebenkläger in dem Mordprozess begrüßt. Es folgten mahnende Worte der Kammer an die Presse, die Persönlichkeitsrechte der Nebenkläger zu wahren und keine Bilder von Ihnen zu veröffentlichen.

Mit Blick auf die Anzahl der Todesopfer in diesem und den vorherigen Verfahren wurde eine Schweigeminute abgehalten, bevor der Prozess mit den Personalien des Angeklagten begann.

Nach dem Abgleich der Personalien begann die Staatsanwaltschaft mit der Verlesung der vier hiesigen Anklageschriften. In der Anklage vom 15.01.2018 sind 97 Straftaten wegen Heimtückemordes aufgeführt. Weiter wurden noch drei Anklageschriften dazuverbunden, wobei jeweils eine Tat angeklagt wurde. Zusammengenommen wird daher über 100 Morde verhandelt.

Der Angeklagte soll jeweils durch die Zuführung eines nicht indizierten Medikaments den Tod der Verstorbenen zumindest billigend in Kauf genommen haben. Diese Formulierung meint den zumindest bedingten Tötungsvorsatz bei der Zuführung der Medikation.

Mordmerkmale in den Anklageschriften

Die Staatsanwaltschaft geht hierbei von dem Mordmerkmal der Heimtücke aus. Heimtücke meint die Ausnutzung der Arglosigkeit mit einer darauf beruhenden Wehrlosigkeit der Tatopfer. Das Mordmerkmal bezieht sich auf die Art und Weise der Tötungshandlung. Der Prototyp der Heimtücke ist der Heckenschütze, der ohne Vorwarnung sein Opfer aus dem Hinterhalt erschießt. Im vorliegenden Fall sollen die Tatopfer sich als Patienten keines Angriffs auf ihr Leben versehen haben als der Angeklagte ihnen die tödlichen Medikamente beigebracht haben soll. Diese Arglosigkeit führte zu einer Wehrlosigkeit, die der Angeklagte gezielt ausgenutzt haben soll.

Als zweites Mordmerkmal sind die niedrigen Beweggründe gem. § 211 StGB in der Anklageschrift aufgeführt. Niedrige Beweggründe sind Motive, die auf sittlich und moralisch niedrigster Stufe stehen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte die Medikamente verabreichte, um seine Reanimationsfähigkeiten unter Beweis zu stellen und seine Langeweile zu bekämpfen. Es ging hierbei, um eine Selbstbestätigung.

Einlassung des Angeklagten

Nach der Verlesung der Anklageschriften hat sich der Vorsitzende an den Angeklagten gewandt. Dieser erklärte sich bereit sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Vernehmung soll mit den Angaben zu dem beruflichen Werdegang des Angeklagten begonnen werden. Es wird dabei erläutert wann er seine Ausbildung abgeschlossen hat und wie er an die verschiedenen Kliniken gekommen ist. Zu den einzelnen Tötungen sollen heute noch keine Angaben erfolgen. Der Angeklagte stellte sich bis fast 16 Uhr den Fragen des Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage. Die Tatvorwürfe wurden dabei zunächst pauschal eingeräumt. Die Aufarbeitung der einzelnen Tötungen erfolgt ab dem nächsten Prozesstag. Es bleibt die Frage im Raum, was kann man dem Angeklagten tatsächlich glauben. Die Vorwürfe liegen zum Teil fast 20 Jahre zurück. Seine Einlassung zu der Anzahl der Tötungen und in welchen Klinken diese erfolgten, variierten in der Vergangenheit. Dem Prozess wohnt daher ein Sachverständiger bei, der die Glaubwürdigkeit des Angeklagten beurteilen soll.

Wie geht es weiter in dem Mordprozess?

Der Prozess wird am 21.11.2018 fortgesetzt mit der Vernehmung des Angeklagten zu den einzelnen Anklagepunkten. Es bleibt abzuwarten, wie viel Erinnerung noch beim Angeklagten verblieben ist und ob er diese mitteilen wird.